Erntedank – aber wofür danken?

Hinweis: Der Artikel entstand als Beitrag für die Rubrik „Offen gesagt“ in Unsere Kirche im Herbst 2006
und erschien auch in einigen Gemeidebriefen von Kirchengemeinden.

Nach BSE und all den Lebensmittel-Skandalen der letzten Jahre ist Essen, immer wieder mal ein Ernährungsrisiko. Die Kette der Negativmeldungen, die uns den Appetit verderben, reißt nicht ab: Mal werden in Paprika, Tomaten, Erdbeeren und Trauben – von wegen frisches Obst und Gemüse – erhöhte Pestizidwerte gefunden, mal liegt verdorbenes Fleisch im Kühlregal.
Und was sagt unsere Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel erzeugen soll? Sie jammert: wegen der Dürre im April oder dem Dauerregen im Sommer (ist doch Berufsrisiko – oder?), wegen Frau Künast (öko ist doch klasse – oder?), wegen der Verhandlungen über den Weltagrarhandel (Globalisierung kurbelt doch die Wirtschaft an – oder?). Sollen die Bauern uns doch gesunde Lebensmittel erzeugen, dann kriegen die auch ihren anständigen Preis – das wäre dann ein richtiger Erntedank – danken für gute Ware!
Nur zu dumm, dass gleichzeitig aus den Berichten der Lebensmittelüberwacher hervorgeht, dass das keimbelastete Fleisch von skrupellosen Händlern um etikettiert wurde und so wieder als frisch in die Kühltheke wanderte; und dass das pestizidbelastete Obst und Gemüse aus Südeuropa stammte.
Ist der freie Weltmarkt also vielleicht gar nicht der Weg zum vollendeten Verbraucherglück? Sind unsere heimischen Erzeugnisse dank staatlicher Gesetze und Kontrollen – öko hin oder her – insgesamt also doch klasse und ihr Geld wert? Und sind die geringeren Ernteerträge von den nassen Äckern und Feldern vielleicht doch mehr als nur Berufsrisiko, sondern zeigen die Besonderheit landwirtschaftlicher Arbeit auf, nämlich ihre Natureinbindung? Hierfür gilt es zu danken!!
Leider ist „König Kunde“ seit geraumer Zeit oft am „Schnäppchenfieber“ erkrankt und verwechselt egoistischen Geiz mit reeller Sparsamkeit. Was fehlt, ist der Kunde, der tatsächlich kundig ist: Er weiß Bescheid über die Hintergründe der Erzeugung hochwertiger Lebensmittel. Er weiß, was er will und zieht die Konsequenzen daraus.
„König Kunde“ ist sich seiner Hoheit über die eigene Verbraucherentscheidung ebenso bewusst, wie über das dazu erforderliche Marktangebot. Doch dieser König Kunde wird immer seltener. Es zählt fast noch nur der Preis .
Ein Umdenken tut daher Not, damit wir auch bei uns in Lippe weiterhin Landwirtschaft haben, welche uns kundennah, frisch, qualitativ hochwertig und vertrauensbewusst mit Lebensmitteln versorgen kann. Auf vielen Höfen wird nämlich gegenwärtig die Frage der Hofnachfolge diskutiert: Lohnt sich Landwirtschaft von der Arbeitsbelastung her? Und nicht zuletzt: Kann ich mit dem Betrieb das Familieneinkommen sichern?
Wird die Frage immer häufiger mit einem „Nein“ beantwortet, muss die heimische Landwirtschaft immer mehr zurückgehen.
Die Breite des Angebots an agrarischen Erzeugnissen sinkt, die Frische der Ware wird geringer, ihre Herkunft immer anonymer und die Lebensmittelüberwachung kann uns daher in schöner Regelmäßigkeit neue Hiobsbotschaften zur Empörung über Ernährungsrisiken bieten.
Hier in Lippe haben wir Menschen, die die lokale Herkunft von Nahrungsmitteln hervorheben. Sie legen beispielsweise die Kette vom Getreide über das Mehl bis zum Brot und Brötchen offen.
Erntedank ist Anlass zum Nachdenken über den Wert der Lebensmittel: Woher unser täglich Brot kommt und welche angemessene Entlohnung es erfordert. Und wenn dem Nachdenken des Verbrauchers ein Handeln folgt, dann wird Verantwortung ernst genommen.
Unser täglich Brot sollte es wert sein!

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